Ein Mensch, alle Zeit

20. April 2007

leben.ard.de
© Fabian Mohr | Dieses Foto in der Großformat-Version ansehen

Im Frühjahr vergangenen Jahres habe ich für ARD.de zwei Tage im Klinikum rechts der Isar in München den Alltag von Krebs-Patienten fotografiert.

Sagen wir so: Ich habe es versucht.

Obwohl die Serie mit 24 Bildern in meinen Augen solide Arbeit war (hört sich komisch an, wenn man das über eigene Fotos sagt, aber mir fällt gerade kein anderes Adjektiv ein… es ist nicht überheblich gemeint), bin ich selber nie richtig zufrieden gewesen. Ich konnte aber auch nicht genau sagen, warum.

Mir hat nie ein erfahrener Fotograf erklärt, wie man handwerklich an eine Reportage herangeht. Wenn einen Bauchgefühl allein nicht weiterbringt, merkt man, was altmodisches Handwerk hin und wieder wert wäre.

Jetzt, mit Abstand, kann ich genauer sagen, was mich stört. Es stecken viel zu viele Aspekte in der Fotostrecke: unzählige Ärzte und Patienten, Visite, Besprechungen, Behandlungen, Labor, Strahlentherapie, Chemo, Bürokratie. Alles irgendwie clean. Es wäre besser gewesen, nur einen Patienten zu begleiten (vielleicht auch einen Arzt, oder beide). Und ich muss einfach viel mehr Zeit in eine Reportage investieren.

Zwei Tage sind - nichts.

Vor wenigen Tagen die Bekanntgabe der Pulitzer-Preisträger für 2007. Als ich die Fotostrecke von Renée C. Byer über den langsamen Krebs-Tod eines Teenagers sah, da war das wie vor vielen Jahren, als ich die Musiker-Fotos von Anton Corbijn entdeckte. Man hat dann wieder etwas vor Augen für die kommenden Jahre, eine Ahnung, was wirklich gute Fotografie ist.

Und wie weit der Weg noch ist.

12 Kommentare:



  1. Markus Kaemmerer sagt:
    20. April 2007 um 09:11

    Vielen Dank für deine klaren Worte - das beweist, das es anderen Fotografen genauso geht, wenn man die eigenen Werke anschaut und dann die absolut beeindruckende Reportage über den Teenager sieht.
    Ich denke jedoch, daß das Handwerk nur ein kleiner Teil ist, der nötig ist, eine solche Reportage zu fotografieren. Das Handwerk ist dafür noch am einfachsten erlernbar, beim Rest können wir nur hoffen und daran arbeiten, das er mit der Erfahrung kommt.



  2. Helga B. sagt:
    20. April 2007 um 09:41

    Ich denke es macht wenig Unterschied, ob man eine Reportage schreibt oder fotographiert. Die Grundelemente - nämlich das focussieren, das EINE Geschichte erzählen, der rote Faden - sind gleich. Und in beiden Fällen gilt: Es ist die Königsklasse. Und viele Reportagen verdienen ihren Namen nicht. Aber man kann daran arbeiten…



  3. Stephan Fritsch sagt:
    20. April 2007 um 11:12

    Hallo Fabian,
    ich habe deinen Blog abonniert, weil ich deine Fotos sehr schätze, auch wenn ich kein Fotograf bin.
    Natürlich gibt es immer Menschen, die den Job, den man selber macht, eine Klasse besser machen. Aber wie du es gesagt hast: die Frage ist auch, wieviel Zeit man investiert.
    Renée C. Byer hat mit Sicherheit etliche Monate an Arbeitszeit investiert. Erstens hat er den gesamten Verlauf der Krankheit dokumentiert und zweitens brauchte er auch das Vertrauen des Kindes und der Familie, um so nah dranzukommen. Von der vorherigen Recherche gar nicht zu reden.
    Die Frage ist bei solch einem Aufwand auch immer: Was bringt man von sich selber ein? Ich denke das Byer der Familie auch emotional nachher sehr nahe war und mit dieser Nähe und dem anschliessendem Tod des Jungen muss man dann auch umgehen können.

    Ich selber bin Videojournalist und merke auch nach jedem Dreh, wenn ich den ferigen Beitrag sehe, was man hätte besser machen können. Aber oft ist nicht die Zeit und/oder das Geld da, um beim Dreh alles richtig machen zu können.

    Auf jeden Fall danke für den Link und deinen Text dazu.
    Gruss Stephan



  4. Fabian Mohr sagt:
    20. April 2007 um 21:09

    Die Reportage von Renée C. Byer hat übrigens sehr gute Bildunterschriften. Ich finde das wichtig, weil man die Fotos dadurch auch als Geschichte lesen und erkennen kann; man merkt, dass eine Reporterin im eigentlichen Sinne am Werk ist.



  5. Fabian Mohr sagt:
    20. April 2007 um 21:41

    Jo, das trifft es ziemlich genau.

    Eins hatte ich vergessen - die fehlende Nähe. Auf Amadelio (nicht irritieren lassen von der seltsam pathetischen Anmoderation) ist ein Ausschnitt von “War Photographer” über James Nachtwey zu sehen.. gleich die erste Sequenz ist grundlegend: Es tut fast weh, zuzusehen, wie nahe Nachtwey an die weinenden Frauen herangeht, dabei sogar den Lichtmesser herausholt.

    Aber nur so funktioniert es. Ähnlich bei Byer. Sie ist auch - über lange Zeit - sehr nahe an die Menschen herangetreten, die sie fotografiert.. im wörtlichen und im übertragenen Sinne.

    Man kann es drehen und wenden, wie man will - solange man das nicht kann, oder nicht will, werden die Bilder immer auch die Distanz transportieren, die man als Sicherheitsabstand eingehalten hat.

    Eines der größten Missverständnisse war, dass ich mir einbildete, man könne diese Scheu mit einem Tele-Objektiv austricksen. Also rangehen ohne ranzugehen. Ist natürlich totaler Unsinn, aber das begreift man auch erst, wenn man es ausprobiert hat.

    http://www.amadelio.de/vlog/20.....sfotograf/



  6. Hartmut Ulrich sagt:
    21. April 2007 um 00:59

    Keiner wird je heilig. Nur in den Augen der anderen. Vielleicht.



  7. Tim L*illing sagt:
    23. April 2007 um 13:03

    Oje, oje – was schreibe ich jetzt als jemand, der es auch nicht besser kann, nicht besser macht aber trotzdem gerne was sagen würde?

    Zwei Sachen:

    1.) Der Mensch, der Mensch, der Mensch steht im Vordergrund. Der Mensch und seine Emotionen. Gerade bei Themen die schwer visualisierbar sind (den Krebs als solchen kann man nicht fotografieren) muss das Leid / die Umstände personifiziert werden. Krankenhaus, Spritze, Arzt steht für Medizin – aber nicht für die Umstände der Krankheit. Auf keinem der Fotos nur einem der Fotos von Byer findet ein direkter Hinweis auf Medizin oder Behandlung. Was Byer hingegen zeigt sind Menschen und ihre Emotionen (unglücklich sowie glücklich).

    2.) Dass meine ich jetzt nicht als persönlichen Diss, aber ich bin froh, dass es nicht in zwei Tagen geklappt hat. Zwei Tage fotografieren ist viel und zwei Tagessätze nicht wenig für eine Redaktion, aber bei solch einem Thema darf es nicht sein, dass man als Fotograf ankommt, sich ein paar Häppchen herauspickt und dann wieder verschwindet.

    Wenn man die betroffenen Menschen ernst nimmt, wenn man sich mit ihnen auseinandersetzen will, dann verdienen sie erstens mehr als zwei Tage, zweitens mal lässt sich über zwei Tage noch nicht genug emotionale Bindung zu Personen aufbauen um das Fotografierte selbst zu erleben zu können.

    Alles andere ist – und das ist zunächst mal eine Selbstkritik eines Boulevardfotografen – Ausbeutung, kratzen an der Oberfläche und reduzieren eines komplexen Sachverhaltes auf pseudo-emotionale Momente.



  8. Fabian Mohr sagt:
    24. April 2007 um 00:15

    Nebenbei: Mir wäre wichtig, festzustellen, dass die Betreuung durch die Redaktion (= ARD.de) super war. Dass ich mit der Serie etwas hadere, dreht sich allein um meine Rolle als Fotograf.

    Vielleicht sollte man auch ergänzen, dass allen Beteiligten (Ärzten, Patienten) klar war, dass die Fotostrecke einen weiten Überblick geben sollte. Es wussten alle im Vorfeld, dass bspw. keine Detailstudie über einzelne Patienten herauskommen würde. Insofern widerspreche ich etwas, wenn solche Fotostrecken, die zB. zwei Tage dauern, per se kritisiert werden. Das Ergebnis kann völlig ok sein - je nachdem, was die Fotos leisten sollen (wichtiger Punkt). Das meinte ich auch oben in meinem Artikel. Für den Kontext von leben.ard.de hat die Serie gut gepasst (es war explizit ein Überblick vereinbart worden).

    Aber in meinem kleinen Fotografen-Hirn nagt eben der Zweifel, ob ich einen anderen Ansatz hätte vorschlagen sollen. Naja, eigentlich nagt nichts mehr, es ist Gewissheit. Beim nächsten Mal dann.



  9. Hartmut Ulrich sagt:
    24. April 2007 um 17:47

    “je nachdem, was die Fotos leisten sollen”: Das ist ein zentraler Punkt. Ich würde gar nicht behaupten, dass man (einen) Menschen unbedingt so in den Vordergrund stellen muss wie Byer das getan hat, oder dass das gar die einzig richtige oder zulässige Aufbereitung ist. Deine Bilder dokumentieren eben eher die Verlorenheit des Menschen und die Unpersönlichkeit im Medizinbetrieb, diese beklemmende Mischung aus Sterilität und Schlachthaus-Atmosphäre. Das ist ja auch eine klare Aussage. Selbst das Personal strahlt diese Art bedrückender Distanz aus, die um so stärker wird, weil es eben NICHT die Chance gibt, einzelne Personen näher kennen zu lernen. Anonyme Gesichter, kalte Geräte, viele Räume - alles von einer seltsamen Distanz und Beliebigkeit. Ganz klar: Mit rein fotografischen Mitteln wäre diese Aussage nur durch perspektivische Übertreibungen deutlicher zu machen gewesen. Tatsächlich können hier nur gute Bildtexte lösen, was die Fotoserie allein nicht kommunizieren kann - weil niemand so genau beobachtet.



  10. Tim L*illing sagt:
    24. April 2007 um 17:55

    Ja, ihr beide - das ist ein zentraler Punkt.

    Vielleicht habe ich meine Aussagen zu sehr von meinen eigenen Erfahrungen und Groll leiten lassen und bin zu wenig auf das Angesprochene eingegangen. Wie gesagt: Ich hadere inzwischen sehr mit mir, ob ich diese Art von Terminen noch annehmen soll bzw. frage mich, ob ich in der vorgegebenen Zeit etwas produzieren kann, dass eine größere Message transportiert.

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