Viel Lärm von nichts
16. November 2007Samstagmorgen, Oxford, Großbritannien: Eine Frau aus Rußland bringt Fünflinge zur Welt. Das Krankenhaus veröffentlich Videomaterial ohne Ton. Die BBC berichtet über die Mehrlingsgeburt - doch im Beitrag (via YouTube) sind deutlich Babygeräusche zu hören. Ein Audio-Fake. Mehr beim Guardian: Baby report lands BBC in new fakery row.
Auch im deutschen Fernsehen wird still und leise nachvertont. Als Historiker schäme ich mich immer ein klein wenig fremd, wenn “zeitgeschichtliche Dokumentationen” mit Sound aus der Konserve nachhelfen. Ob Geschütze abgefeuert werden, Flugzeugmotoren brummen, Kutschen durchs Bild fahren, Pferdehufen über Pflaster traben, Menschen sich in größeren Gruppen murmelnd unterhalten oder nur flanieren - es ist sehr oft nicht der authentische Sound, sondern Geräuschware von CDs, die hineingemischt wird.
Für Fernsehmacher mag es ja ein Problem sein, dass historische Aufnahmen oft nur ohne Ton oder in schlechter Qualität vorliegen. Und dennoch - Klang ist wie Bild und Text ein zentrales Element der Berichterstattung. Geräusche können den Charakter einer Szene dramatisch ändern, sie sind für die Glaubwürdigkeit überaus wichtig. Hier auf Konserven zurückzugreifen, ist eine ganz schlechte Idee - zumindest sollte es dann klar gekennzeichnet werden. Ähnlich den Hinweisen auf Archivmaterial in Nachrichtensendungen. Man sieht das in letzter Zeit öfter, eine sehr brauchbare Lösung.
Eigentlich will ich auch garnicht auf den bösen Menschen vom Fernsehen rumhacken. Im Multimedia-Sektor haben wir die gleichen Probleme: Was macht ein Reporter, der 15 gute Fotos zurückbringt, aber seine Audios in den Sand gesetzt hat? Was macht ein VJ, der später beim Schnitt merkt, wie endlangweilig der aufgenommene Sound ist? Ja, es gibt eine Reihe von Alternativen und Notlösungen - zum Beispiel keine Soundslides bauen, sondern eine normale Fotogalerie (das ist nicht verboten). Oder mit Musik arbeiten, mit Voice Over. Sehr grenzwertig wird es allerdings, wenn beim User der Eindruck entstehen soll, dass doch authentischer Sound verwendet wurde. Es gibt durch Websites wie Freesound Project ein großes Repertoire an Open Source Audio - die Verlockung wäre also gegeben, ein wenig zu tricksen.
Aber abgesehen davon, dass es nicht fair ist und journalistisch indiskutabel - es kommt auch mit großer Wahrscheinlichkeit ans Licht. Siehe BBC/Babys.
Soll man also Open Source Audio nicht verwenden? So kann man das natürlich nicht sagen. Für Bildung und Kunstprojekte ist es eine unschätzbar wichtige Quelle. Würde ich meine eigenen Hörspiele produzieren - ich wäre glücklich. In jeder Form von Reportage oder aktueller Berichterstattung haben solche Audio-Typicals aber nichts verloren.
Eine andere Frage, die ich mir selbst beim Videoschnitt gestellt habe: Wo liegen eigentlich hier die Grenzen?
Der Screenshot zeigt ein Beispiel aus einem Video, das ich gerade nochmal neu schneide. Man sieht, wie die Audiospur aus einem späteren Take in den davorliegenden hineingezogen wird. Der Effekt: Ein sanfter Übergang, der langsam einsetzende Sound der kommenden Szene bereitet den Zuseher auf einen Schnitt vor. Ist das schon grenzwertig? Ich würde sagen Nein. Aber streng genommen - well. Ich spiele mit dem Sound, koppele Sound und Bilder, die nicht zusammengehören - für einen winzigen dramaturgischen Effekt.
Ich bin offen gesagt noch etwas unschlüssig.
Lesenswert in diesem Zusammenhang: Die Ethical guidelines for editing audio des Canadian Journalism Project.
