Sorry, zum Jagen tragen ist keine Option

13. Januar 2008

In mehreren Blogs läuft zur Zeit eine Debatte, mit der sich (auch angehende) Multimedia-Journalisten dringend auseinandersetzen sollten. Es geht, stark verkürzt, um die Frage, ob man Geld und Zeit für Schulungen in Leute investieren soll, die nicht aus eigenem Antrieb heraus den Weg ins multimediale Netz finden. Zunächst die Links:

Fighting Hole Tactics: Part One — No More Training // Paul Conley

Throw ‘em overboard if they need training? // Steve Yelvington

Stop Training Journalists? Uh, Oh… // Dan Gillmor

No room for Web newbies? // Mindy Mc Adams

How important is it for new journalism graduates to have their own blog? // Online Journalism Blog

Mir geht es sehr ähnlich wie Mindy McAdams. Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits habe ich selbst erlebt, dass man Journalisten durch Schulungen ein gutes Stück voranbringen kann. Und es macht großen Spaß, sie dann auf ihrem weiteren Weg zu beobachten.

Mein Verdacht ist nur - diese Leute sind sowieso gut, die hätten ihren Weg auch jederzeit ohne mich oder irgendwen sonst gefunden. Weil sie neugierig sind, weil sie ein ganz eigenes Mindset haben.

Die Sorte Journalist, die sich z.B. in jeder freien Minute in die Videoredaktion schleicht.

Bei anderen hat man eher den Eindruck, sie wollen einfach nur in Ruhe gelassen werden. Bitte keine multimedialen Spielereien. Nicht noch mehr “lernen müssen”.

Schwierig. “You can’t just fire everybody”, sagt Mindy McAdams. Es ist auch weltfremd, von Onlinejournalisten, die im Tagesgeschäft extrem eingespannt sind (und das sind viele wirklich), noch großes Storytelling zu erwarten.

Ein Ableger dieser Diskussion betrifft die Journalisten in Ausbildung. Hier, und da bin ich voll im Lager der Extremisten, kann es einfach keine Kompromisse mehr geben. Leute, die mit Mitte/Ende 20 auf die Frage, was Sie bisher so im Netz gemacht haben, mit “StudiVZ” antworten, sind unqualifiziert.

Ich denke nicht, dass jeder Jungjournalist ein Blog haben muss. “Muss” ist bei Blogs sowieso schon der Anfang vom Ende. Aber wenn Kandidaten kein Blog haben, noch nie privat ein Video geschnitten haben, wenn ihnen zu Flickr oder Twitter nichts einfällt, wenn sie Magnum für eine Eissorte halten - wenn das alles zusammenkommt, dann sind sie als Volontäre oder Journalistenschüler in meinen Augen einfach fehlbesetzt. Der Klotz am Bein von morgen.

4 Kommentare:



  1. Björn Sievers sagt:
    13. Januar 2008 um 23:18

    Ich finde es immer wieder erschreckend, wie wenig Menschen Mitte 20 vom Netz wissen, vor allem, wenn sie “was mit Medien” machen wollen. Allerdings frage ich mich dann: Liege vielleicht ich falsch? Habe ich, hat der Mohr den Blick für das bereits verloren, was Menschen interessiert, die zehn oder sogar 20 Jahren jünger sind.



  2. Fabian Mohr sagt:
    13. Januar 2008 um 23:45

    Interessen hin oder her - ein GMX-Account, StudiVZ und billigertelefonieren.de reichen als Erfahrungshorizont für werdende Onlinejournalisten einfach nicht.. ich finde es auch leicht absurd, dass ihnen dann 40-Jährige zum ersten Mal von Etsy und Digg erzählen.

    Der Schlüssel liegt vielleicht da, wo die Auswahlentscheidungen getroffen werden. Welchen Background haben die Leute, die entscheiden, wer auf eine Journalistenschule darf? Welcher Typ Praktikant hat die ehesten Chancen, später als Volo genommen zu werden, wenn Printleute die Empfehlungen schreiben? File under: These. Mich würde interessieren, welche Erfahrungen die hier Mitlesenden gemacht haben.



  3. Christian Jakubetz sagt:
    16. Januar 2008 um 21:17

    Keine These, sondern tägliche Erfahrung, nachdem ich ja nun doch an der einen oder anderen Ausbildungseinrichtung unterwegs bin: Sobald Printer oder überhaupt Old-School-Journalists ins Spiel kommen, spielt online weniger als gar keine Rolle. In den meisten Tageszeitungsredaktionen ist Multimedia nach wie vor so gut wie irrelevant.

    An den Journalistenschulen hat das Umdenken sicher eingesetzt, durch die Bank. Was ich allerdings für verheerend halte: Obwohl dieses Umdenken bereits eingesetzt hat und bspw. an der Springer-Akademie Online und Multimedia vom allerersten Tag an zum festen Programm gehört (und by the way, Fabian: Auch an der DJS sind wir inzwischen erheblich weiter - schaust mal wieder vorbei?) treffe ich immer noch auf viele junge Journalisten, die dem Thema immer noch erstaunlich wenig Bedeutung beimessen. Nach meinem Eindruck beispielsweise hat ein alter Haudegen wie DJS-Chef Uli Brenner die Entwicklung weitaus besser überrissen als viele 20jährige.

    Was willste machen? Da bin ich ebenfalls marktradikal: 20jähriger, der stolz GMX-Freemail als Schlüsselqualifikation nennt, ist schon draußen aus dem Spiel.



  4. Hartmut Ulrich sagt:
    16. Januar 2008 um 23:50

    Dass mir jetzt bloß keiner auf die Idee kommt und das gedanklich auch auf andere Berufsgruppen überträgt. Oder daraus gar eine politische Diskussion macht. Dann sind wir nämlich sehr schnell bei einem Themenabend, in dem die Schlagworte Elite, Chancengleichheit und Bildungsdarwinismus vorkommen.

    Gott find ich das gut, dass sich mal einer traut, das offen zu diskutieren. Damit krigst du nämlich normalerweise von allen Seiten in die Fresse. Einen schönen Abend!

Einen Kommentar schreiben

Bitte lesen Sie die Regeln für Kommentare.

(obligatorisch - gegen Spam)